Anna Breitenbach

Auf halber Strecke

Ulm lag auf halber Strecke. Und hat einen Münsterplatz, wo man sich treffen kann. Und ein Café, wo man sich sehen kann. Sie würden sich gegenüberstehen und sehen. Es war ausgemacht, dass sie kein Theater machen würden, wenn es schlecht lief. Wenn sie sich nicht gefallen würden. Wollten sie mit Anstand aus der Geschichte herauskommen. Freundlich einen Kaffee trinken, freundlich reden und freundlich gehen. Und sich nie wieder sehen. Wobei sie an diese Möglichkeit nicht wirklich glaubten, den worst case von allen cases! So lange, wie sie sich schon mailten. Und telefonierten doch auch. Ihre Stimmen jedenfalls hatten sich gefallen.

Sie war zu spät gekommen, ziemlich zu spät. Gestaute Autobahn, sie hatte sich über die B 10 nach Ulm durchgeschlagen. Er war gleich schlauer gewesen, war mit der Bahn gekommen. Und also hatte er schon groß und gutaussehend herumgestanden und nach etwas Kleinem, Dunklen Ausschau gehalten, das „sie“ sein würde, zweifellos. Sie sah ihn, der Münsterplatz war noch zu überqueren ohne Stolpern, Hinfallen, mit einem attraktiven Gang. Sie kam bei ihm an. Er sagte nichts. Er machte seine schwarze Jacke auf, er nahm sie an sich heran. Er machte hinter ihr zu. Und so standen sie erst mal da, fremd und still. Er roch leicht nach Rauch und Mann und ACQUA DI GIÒ,
wie sie inzwischen weiß.

Sie saßen sich gegenüber, im Café. Er hatte kalte Hände, an denen war sie schuld, mit ihrer Verspätung. Sie trug einen schwarzen Mohairpullover, sie hielt einen Ärmel auf und bot ihm ihre Wärme an. Er nahm das Angebot an. Kam zu ihr herein mit seinen Händen, in ihre Ärmel, und so saßen sie, kurzgeschlossen, die Augen offen. Siezten sich nach wie vor und machten eventuell einen etwas merkwürdigen Eindruck in Ulm auf die Ulmer und Nichtulmer um sich herum.

Anna Breitenbach, *1952, Studium, Journalistenschule München, freie Reporterin/Rundfunk, freie Autorin. Lebt in Esslingen und Elmo/Italien. Nach dem Roman „Fremde Leute“ erschien der Gedichtband „Feuer. Land“ und der Postkartenkalender „steine“. www.annabreitenbach.de




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