Olaf Nägele

Manege frei

„Ich habe ein Geschenk für dich. Ersteigert bei ebay“, röchelte Carmen am Telefon.
„Aber man muss es selbst abholen. Und ich kann nicht, ich bin krank.“
Sie nannte mir eine Adresse im Stuttgarter Osten, eine Gegend, die ich kannte, weil mein Kumpel Siggy dort wohnt. Ich nahm die S 1, dann den 42er bis zur Gablenberger, rechts, drittes Haus, bei Kaleb klingeln.
Ein älterer Herr mit wirrer Frisur öffnete. „Ah, der Herr Direktor“, bat er mich herein.
„Äh, Direktor? Ich soll etwas abholen. Meine Freundin ...“
„Kommen Sie“, unterbrach er mich. Er führte mich in einen dunklen Raum, wies auf einen Koffer, der auf einem Tisch stand. Er öffnete die Klappe und gab den Blick auf eine Miniaturmanege frei. Von links nach rechts war ein Hochseil gespannt, in der Mitte stand eine winzige Kutsche, eine Kugel lag in einer Vertiefung.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Ein Flohzirkus. Einer der letzten seiner Art. Er gehört Ihnen!“, erklärte Herr Kaleb.
„Das ist ja …toll“, erwiderte ich. Hätte ich Carmen bloß nicht erzählt, dass ich als Kind unbedingt Zirkusdirektor werden wollte! Kaleb nahm ein Plexiglaskästchen heraus. „Hier sind die Artisten. Das ist Brutus, der Starke. Er zieht die Kutsche. Allein! Und hier ist Anna, die Hochseilartistin. Und da ist Gerd. Sie sollten sehen, wie er den Ball durch das Rund jagt.“
Ich versuchte, etwas in dem Glaskästchen zu entdecken, aber Kaleb schloss zügig den Koffer, drückte ihn mir in die Hand und schob mich zur Tür.
„Viel Spaß damit. Und nicht vergessen. Die Artisten brauchen ab und zu frisches Blut.“ Ich trottete zur Bushaltestelle. Was sollte ich mit einem Flohzirkus? Durch die Kneipen ziehen und Vorführungen geben? Kindergeburtstage bespaßen? Carmen würde mir das erklären müssen. Dazu kam es nicht. Zuhause angekommen, stellte ich fest, dass die Artisten weg waren. Ge-floh-en. Entkamen sie in der S-Bahn, die plötzlich so abrupt bremste, dass der Deckel des Koffers aufsprang und das Plexiglaskästchen davon rollte? Oder hat es sie nie gegeben? Ich werde es nie erfahren, das Namensschild an der Tür von Herrn Kaleb ist verschwunden. Aber sollten Sie Brutus, Annabella oder Gerd finden, melden Sie sich: Die Manege gebe ich zum Spottpreis ab.

Olaf Nägele, *1963, arbeitet als freier Autor, Journalist und Texter in Esslingen. Neben Beiträgen in Anthologien und Hörspielen für den SWR erschienen von ihm die Kurzgeschichtensammlungen „Maultaschi Goreng“ und „Ha Noi Express“, sowie der Roman „Gsälz auf unserer Haut“. www.olafnaegele.de




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