Klaus Wanninger

Timing ist alles

Ausgerechnet heute war ich zu spät dran. Außer Atem hastete ich in Schwäbisch Hall auf den Bahnsteig, erreichte gerade noch den Zug. Er war rappelvoll, nur noch ein Platz zu finden.
„Hier ist frei?“, fragte ich.
Der Mann warf mir einen mürrischen Blick zu. „Wenn‘s sein muss“, bruddelte er.
„Es muss“, erklärte ich, setzte mich, packte meine schwere Tasche auf den Schoß.
„Do isch‘s Gepäcknetz“. Er deutete in die Höhe.
„Danke. Es geht.“ Ich hielt die Tasche mit beiden Händen fest.
„Man könnt‘ grad meine, Sie hätten einen Schatz da drin.“
Ich spürte Schweißtropfen auf meinem Rücken. „Schön wär‘s.“
Ich schaute nach draußen, sah lange Autoschlangen, Stadtauswärts. Sie bewegten sich kaum. Dazu Pulks von Polizeiautos, bewaffnete Beamte, abgeriegelte Straßen. Der Zug schoss in hohem Tempo daran vorbei.
„Was isch do los?“, fragte mein Nachbar.
„Wahrscheinlich ein Unfall.“
„Unfall? Und dann machet die so ein Theater?“ Er schüttelte den Kopf. „Unmöglich! Die hen bestimmt a Bank ausgraubt. Wo heutzutag so viele Verbrecher unterwegs sind.“ Das Heulen der Polizeisirenen war deutlich zu hören. „Auf die Bankräuber könnt ma direkt neidisch werde“, sinnierte er. „Wenn die so viel Polizei schicke, hen die mordsmäßig Beute gmacht. I wüsst, was i mit so viel Geld mache dät.“
„Was denn?“
„Reisen“, erklärte er. „Ins Ausland. Dort, wo es warm isch und hübsche junge Fraue auf en Kerl mit viel Geld wartet.“
Unwillkürlich klammerte ich die Tasche fester an mich.
„Aber man hätt ja doch keine Chance zu entkomme. Gucket se doch, die rieglet Hall richtig von der Außenwelt ab.“ Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Es sei denn, die Gangster wäret schlau.“
„Schlau?“, fragte ich.
„Ha, die müsset die Bank kurz bevor der Zug fährt überfalle und dann auf den Bahnhof renne und an dene vorbei sause. Taiming isch älles.“
Oh ja, dachte ich, als ich in Heilbronn mitsamt meiner Tasche ungehindert aus dem Zug stieg, Timing ist alles.

Klaus Wanninger, *1953, passionierter Bahnfahrer, Autor von bisher 14 Schwaben-Krimis, zuletzt „Schwaben-Sommer“ (2010) und „Schwaben-Filz“ (2011).




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