Jürgen Seibold

„Können Sie wechseln?“

„Noch acht Minuten bis Horb“, sagte Ribbeck. „Du weißt also Bescheid?“
„Klar, bin ja nicht bescheuert.“
Es war auch wirklich einfach: Mit 20 falschen Fünfzigern sollte Haas überall in der Stadt Kleinigkeiten kaufen, und vom Wechselgeld würden ihm – abzüglich Baden-Württemberg- Ticket, Ribbecks Anteil und dem Kaufpreis der Blüten – rund 180 Euro bleiben. „Auf der Rückfahrt“, rief ihm Ribbeck hinterher, „komme ich um 15.22 Uhr wieder hier durch. Falls du nicht pünktlich fertig wirst: Dein Ticket gilt bis Mitternacht.“
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Um zwölf hatte Haas nur noch drei Blüten. Eine untersetzte Frau mit grauem Dutt humpelte auf ihn zu.
„Entschuldigen Sie bitte“, begann er und hielt ihr einen Geldschein hin.
Hedwig Adler musterte ihn interessiert.
„Haben Sie Kleingeld? Ich möchte einen Apfel kaufen, aber die Marktfrau hat mich weggeschickt – ihr Stand sei keine Wechselstube.“
Sie nahm den Fünfziger, strich mit dem Daumen darüber, und ein kurzes Lächeln huschte über ihr faltiges Gesicht.
„Hen Se no meh? Der isch so schee glatt, ond i bräucht no a Geldgschenk für mei Enkele.“
„Ja, zwei hab ich noch.“
„Soviel Geld han i net en dr Tasch, aber drhoim kann i wechsla. Kommat Se?“
Haas konnte sein Glück kaum fassen. Er folgte der Alten in eine Gasse, sie öffnete die Haustür und ging ihm in den Flur voraus.
„Wartet Se gschwend.“
Haas hörte sie nebenan hantieren. Überall hingen Zeichnungen von jungen Männern mit geschlossenen Augen. Er bewunderte den kühnen Strich, da wurde es schwarz um ihn. Hedwig Adler wartete, bis er nicht mehr zuckte, dann legte sie den Fleischklopfer ab und leerte Haas die Taschen. Schließlich lehnte sie ihn an die Wand und holte Stift und Papier.
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Der Zug nach Stuttgart fuhr pünktlich ab, ohne Haas. Ribbeck seufzte. Noch kein Neuer hatte sein Falschgeld in Horb rechtzeitig unter die Leute gebracht. Er hoffte, dass Haas wenigstens nicht einfach wegblieb wie seine Vorgänger. Irgendeinen musste er doch mal fragen können, was diese beschauliche Stadt für sein Geschäft so schwierig machte.

Jürgen Seibold, *1960 in Stuttgart, verschiedene Buchveröffentlichungen, zuletzt erschienen u.a. der Alb-Krimi Lindner und das Apfelmännle und die Komödie Bloß keine Maultaschen. www.juergen.seibold.de




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