Achim Stegmüller

Ein Schloss in den Wolken

In der Regionalbahn setzte sich ein asiatischer Herr an meine Seite,
er trug Anzug und Hut in hellem Braunton, irgendwie mochte ich
ihn und so fragte ich ihn, woher er käme. Aus Tsuchiura, erwiderte
er mir, offensichtlich auch stolz über seine deutschen
Sprachkenntnisse, die er während seines Medizinstudiums in der
frühen Jugendzeit erworben hatte. Von Tsuchiura hatte ich noch nie
etwas gehört.
„Aber das ist die japanische Partnerstadt von Friedrichshafen.“
„Ach so.“
Ihm sei es lange Zeit ganz ähnlich gegangen, nichts habe er von
Friedrichshafen gewusst, bis er einmal am Stadteingang von
Tsuchiura das Schild mit den Namen der Partnerstädte gesehen
habe..., Friedrichshafen sei ihm nicht mehr aus dem Kopf
gegangen..., er habe gelesen und recherchiert, war begeistert von
diesen Luftschiffen...
„Kennen Sie Laputa?“
Tsuchirua, Laputa, vor dem älteren Herrn kam ich mir wie ein
unwissender Schüler vor. Das sei ein Comicfilm, den in Japan
wirklich jeder kenne, über ein Schloss in den Wolken, und die
schönsten Luftschiffe gäbe es in diesem Film, er habe die Welt von
Laputa immer geliebt. Und plötzlich habe er kapiert, dass die
Zeichner die Inspirationen für die fantastische Laputa-Welt auch
aus Friedrichshafen bekommen haben mussten! Er lächelte froh,
stieg aus, er wollte ins Zeppelinmuseum.
Ich spazierte am See entlang und starrte auf das glitzernde Wasser.
Immer wieder flüsterte ich vor mich hin: „Tsuchiura. Laputa.
Tsuchiura, Laputa...“ Ein Schloss in den Wolken. Ganz weit hinten
flog ein Zeppelin.
Am Hafen von Friedrichshafen dachte ich, dass ich unbedingt
einmal nach Japan reisen müsste.

Achim Stegmüller, *1977 in Heidelberg, lebt in Eppelheim, Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, Japanologie in Tübingen, Kyoto und Osaka. Zuletzt erschien die Erzählung „Nagaoka“. Für seine Texte erhielt u.a. das Alfred-Döblin-Stipendium und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis.




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